Jul 302008
 

Spiele in Bibliotheken scheinen mittlerweile kein Randthema mehr zu sein. Der MBI-Blog weist heute auf eine Studie über die Nutzung von Spielen in amerikanischen Bibliotheken hin: Spiele und Bibliothek: ein Blick in die USA. Nachdem vor kurzem Google Knol an den Start ging, musste ich da natürlich auch mal nach „library“/“libraries“ suchen. Der einzige relevante Treffer hat den Titel „Getting Serious About Games In Libraries„.

Man muss aber gar nicht mal so weit über den Teich blicken, denn hier in Deutschland tut sich da ja auch schon einiges. Während meines Kurzpraktikums bei der HÖB gab es in der Jugendbibliothek(HOEB4U)  eine Vorstellung der verschiedenen Konsolen und eine Bewertung der Sinnhaftigkeit ihrer Anschaffung. Das war schon sehr amüsant als ein ganzer Haufen Bibliothekare vor der Wii boxte und bowlte. Die Wii erhielt auch die wärmste Empfehlung zur Anschaffung, sofern ein Einstieg in dieses Segement prinzipiell geplant wäre. In der kurzen Zeit seit April hat sich auch schon etwas getan. In einigen HÖB-Zweigstellen, unter anderem auch in meiner Praktikumsbibliothek Alstertal, sind Kinder aufgerufen Spiele zu testen (HÖB-News dazu) und den Gewinner des Tommi Kindersoftwarepreises zu ermitteln. Auf der Seite befinden sich auch Vorstellungen und Interviews mit den teilnehmenden Bibliotheken (auch Alstertal).

Ich bin mir aber nicht wirklich sicher, was ich von (~elektronischen!) Spielen in Bibliotheken halten soll. Ich gestehe, dass mich persönlich Konsolen bisher nicht angesprochen haben. Bisher, denn seit ich nun junge wie ältere Bibliothekare, meine Schwester (keine Spielerin ansonsten) und Kinder und nun am Wochende 20 Leute vor der Wii „wettstreiten“ gesehen (und mitgemacht) habe, hat mich deren Konzept nun doch überzeugt (so wie von Nintendo ja auch die Zielgruppe definiert ist) und seit gestern steht so ein Ding unter der Glotze (womit diese auch mal wieder sinnvoll genutzt werden kann, wenn das Fernsehprogramm nicht mehr zum Einschalten animiert). Das Ding hat tatsächlich einen hohen Geselligkeitsfaktor – drei Freunde konnten sich gestern erst um 4:30 loseisen und Nichte und Neffe (6 Jahre) haben mich heut dann beim Boxen mit exzessivem Ganzkörpereinsatz um den Fernseher bangen lassen.

Bin ich jetzt abgeschwiffen? Ich denke nicht, denn ich kann mich durchaus für eine Konsole begeistern, habe also keine prinzipielle Ablehnung (die schlimmste Art der Auseinandersetzung? :-)). Ich habe mich neulich auch (eher zufällig) mit einer Kommilitonin darüber unterhalten. Ehrlich gesagt wundert es mich immer ein wenig, dass Spiele immer (?) entweder als ein „Lockangebot“ verstanden werden, um dann aber auch die „eigentlichen“ Angebote der Bibliothek in den Fokus rücken zu können, d.h. insbesondere die Zielgruppe „bibldungsferner Schichten“ mit einzubeziehen, oder dass die Bibliothek gleich zu einem „Kommuikationszentrum“ erklärt wird, wo man sich trifft und unterhält. Nun, scheinen mir beides ehrbare  Ziele, aber ich bezweifel doch sehr, dass einer, der wegen der Spiele (günstig – obwohl, visiert man die erste Zielgruppe an, dann ist es beinah zynisch, wenn der Benutzerausweis mit Option auf Spiele teuer wird – und relativ zur Videothek lang entleihbar) kommt, sich tatsächlich noch mal Serendipity-mäßig ein Buch schnappt. Das „Kommunikationszentrum“ scheint mir – zunächst zumindest – hingegen verfehlt, weil bei mir die Beschreibung eher die Vorstellung von einem klassischen Jugendzentrum weckt (mit entsprechenden Räumlichkeiten und eigenen Kompetenzen, die auch ggf. eine gewisse Betreuung umfasst).

Ok, diese Zeifel mal beiseite gelassen und ganz frei heraus. Mir scheint (!) es, als ob Spiele für die Bibliotheken auch eine gute Möglichkeit sind Ausleih- und Besucherzahlen zu steigern, die wiederum argumentativ gut bei den Geldgebern (Kommunen etc.) deren Unterstützung sichern. Auf der anderen Seite läuft man aber Gefahr den primären Auftrag der Bibliotheken zu unterwandern und sich selber in letzter Konsequenz wieder in Argumentationsnot zu bringen, wenn man seinen primären Auftrag als die Umsetzung des freien und unbeschränkten Zugang zu Informationen für alle definiert, auf der anderen Seite aber einen nicht unerheblichen Teil des Etats für etwas aufwendet, dass _dieses_ Ziel nicht unterstützt. Ich würde nicht sagen, dass das alles sein sollte – Menschen zusammenbringen im weitesten Sinne, ist durchaus ein sinvolles Ziel, aber insbesondere elektronische Spiele (und die sind eigentlich ausnahmslos teuer) scheinen kostenseitig in dieser Hinsicht ein ziemliches Ungleichgewicht zu erzeugen. Anders ausgedrückt: Mir scheint es einfacher Dinge wie einen kostenlosen Benutzerausweis für alle, Bibliotheksgesetz(e) und den Aufbau neuer (statt den Abbau alter) Bibliotheken zu fordern, wenn sie an ein Grundrecht auf Information geknüpft werden, den Begriff „Information“ dabei aber nicht zu sehr aufweichen. Spiele sind aber zunächst Unterhaltung (bei elektronischen Spielen nicht selten auch reine Alleinunterhaltung) für die klassischerweise andere Einrichtungen (sinnvoll?) zuständig sind – und wenn es nicht (teure, dadurch wiederum Gruppen ausschließende) Videotheken sein sollen, dann vielleicht eben Jugendzentren.

Hmm, irgendwie scheint mir diese (meine) Sich etwas verbohrt oder „träumerisch“. Sie ist auch eher aus dem Bauch heraus (kein Ergebnis tiefgreifender Auseinandersetzung mit dem Thema), aber das darf ja mal in einem Blog. Die Ironie ist, dass ich z.T. aus der Einstellung heraus „Ein Buch das es wert ist gelesen zu werden, ist es auch wert besessen zu werden“ (solang ich es mir leisten kann) und zum anderen, weil die Amazon-Paketübrbringer wahrscheinlich alle die Vornamen der Familie kennen, ich selber nahezu nie die öffentliche Bibliothek nutze (aber Gebühren bezahle). Achso, Ironie, jetzt mit der Wii find ich eine einwöchige Ausleihfrist durchaus sehr attraktiv – zum Testen der Spiele, bevor ich sie teuer kaufe. Andererseits sprengen die Vormerklisten hier wahrscheinlich bei allen Titeln die Limits.

Nunja, wären deutsche Bibliotheken reich, somit Prioritätensetzungen wegen knapper Mittel unnötig, dann schiene es mir ziemlich diskussionsunwürdig – im Grunde spricht ja nichts dagegen ( für „Dogmatiker“ vielleicht schon) , dass jeder Wunsch erfüllt wird und auch Sekundär- oder Tertiärziele verfolgt werden.

  3 Antworten zu “Spiele (Konsolen und PC) in Bibliotheken”

Kommentare (2) Pingbacks (1)
  1.  

    Oh, (so schnell) eine Reaktion 🙂

    Ich persönlich kann nicht so richtig verstehen, warum es überhaupt diese Diskussion gibt. War ich etwa der einzige, der in seiner Jugend einen Rechner hatte?

    Oh nein, ich habe mit etwa 12 (Anfang der 90er) den C64 von meinem Bruder geerbt, fortgesetzt über Atari STe, Amiga 500, 286er und wie es dann so weiter geht. Und insbesondere am Anfang dominierten Spiele da natürlich auch bei der Nutzung, obwohl ich auch heute durchaus ab und an mal einen „schlimmen“ Ego-Shooter einwerfe.  Also von meiner Seite ganz gewiss keine Ablehnung gegen Spiele generell (oder speziell). Auch war mein Geschreibsel weniger als „Diskussionsbeitrag“ gemeint, sondern wäre mehr als die Frage zu verstehen, ob Spielen in Bibliotheken – derzeit – wirklich eine (hohe) Priorität haben sollten.

    Elektronische Spiele sind nicht nur Unterhaltung. Sie sind Teil der Medienkultur und des Medienalltags von immer mehr Menschen

    Das bezweifel ich nicht. Ich glaube man könnte jetzt spitzfindig darum herum tanzen was alles Kultur und Medium ist, aber trotzdem nicht in der Bibliothek zu finden ist, einfach weil es spezialisiertere (ebenfalls sozialorientierte) Einrichtungen dafür gibt. Aber das wollte ich wirklich nicht. Für mich ist einfach die Frage, ob es sinnvoll sich das Profil einer „günstigen Videothek“ zuzulegen und ob dieser „alternative“ Zugang vielleicht auch eine Frage der Gerechtigkeit ist – eben weil auch Spiele Teil der Kultur sind, wie andere Dinge aber auch. Vor allem frag ich mich, ob die Verhältnismäßigkeit gegeben ist, einfach weil es kostenmäßig doch in einem ziemlichen Ungleichgewicht zu (Unterhaltungs-) Literatur steht – oder ist die Frage nicht legitime bzw. die Antwort offensichtlich?

    Das was (Öffentliche) Bibliotheken zuvöderst anbieten ist auch nicht unbedingt nur Information oder Bildung,

    Dennoch ist dies doch der primäre Auftrag und die wichtigste Rechtfertigung (auch gegenüber Politik und Geldgebern) für einen, wenn auch nicht kostenlosen, dann aber günstigen Zugang für alle? Ich hoffe, dass die Frage nicht den Eindruck eines „verträumten Idealisten“ (ich glaube kaum, dass ich der bin) erweckt, denn natürlich hat auch Unterhaltungsliteratur ihre Berechtigung in Bibliotheken. Einen Unterschied zwischen Lesen und Spielen würde ich schon sehen, was ja nicht heißt, dass nicht beides seine Berechtigung hat. Allerdings ist AnGameItismus und Spieleinkompetenz kein gesellschaftliches Problem – zugegeben, etwas polemisch 😉

    Nun, vielleicht ist die ganze Frage tatsächlich sinnlos. Wenn die Bibliotheken genug Ressourcen haben, dann bieten sie eben Spiele an, wenn nicht, dann werden dafür auch keine Abstriche gemacht. Und letztlich kriegt jeder Besucher was er benötigt und auch das was er gerne hätte. Wenn das so ist, dann ist die Frage sinnlos 🙂

    War ich etwa der einzige, der in seiner Jugend einen Rechner hatte?

    Das ist nicht ironisch gemeint, sondern fänd ich wirklich klasse: Wann bietet mal ne öffentliche Bibliothek in der Nähe einen Gesellschafts- oder Pen&Paper-Rollenspielnachmittag an? Bin ich der einzige… hmm, man ist so jung wie man sich fühlt 🙂

  2.  

    Ich würde dem in zweifacher Weise teilweise widersprechen:
    1.) Elektronische Spiele sind nicht nur Unterhaltung. Sie sind Teil der Medienkultur und des Medienalltags von immer mehr Menschen (auch abgesehen von der Wii, die auf neuen Spielerschichten zielt, sondern einfach weil die Menschen, die als Jugendliche mit den ersten Konsolen und Rechnern spielten, älter werden). Wenn man auf die ganze Fan-Art, die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit Spielen und die Aufwendigkeit der Spiele selber schaut, kann man das nicht als reine Freizeit abtun. Man mag dem allen selber nicht folgen wollen, aber Spiele und die Auseinandersetzung mit ihnen ist Teil der Mediennutzung. Nicht umsonst verdient die Spielebranche immer mehr, während es der Musik- und Filmindustrie eher immer schlechter geht.
    2.) Das was (Öffentliche) Bibliotheken zuvöderst anbieten ist auch nicht unbedingt nur Information oder Bildung, sondern hauptsächlich Unterhaltung, Kultur und Freizeitgestaltung. Ein großer Teil der Nutzerinnen und Nutzer holt sich Unterhaltungsliteratur und sieht Bibliotheken auch als Quelle für die Literatur an. Und wenn man einmal ehrlich ist, ist der Unterschied zwischen elektronischen Spielen und Freizeitliteratur nicht so groß, als das man zwischen beiden ein klare Trennlinie ziehen könnte: sie benötigen Phantasie, sie können Entspannen oder das Leben sinnvoll strukturieren und sie werden „nebenher“ genutzt. Sie sind beide als Medienformen etabliert und trotzdem immer nur von einem Teil der Bevölkerung genutzt.

    Deswegen sollte die Frage aber nicht sein, ob Spiele die Nutzerzahlen erhöhen oder ob ein Bibliothekar selber mit ihnen etwas anfangen kann. Bibliotheken bieten Medien, die für das Leben der Nutzerinnen und Nutzer relevant sein können. Und Medien sind nicht nur Bücher. Es stimmt schon, dass für Spiele genauso wie für Comics, Mangas, Naturwissenschaftliche Spezialbestände oder Ähnlichem neue Kenntnisse nötig sind. Aber hey: ist das nicht beständig so? Ist das nicht das Spannende an der Medienentwicklung? Ich persönlich kann nicht so richtig verstehen, warum es überhaupt diese Diskussion gibt. War ich etwa der einzige, der in seiner Jugend einen Rechner hatte?

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