Apr 232008
 

Anne Christensen legt in Netbib – Wikipedia: Kein Auskunftssilo – Überlegungen ihres Kurses an der HAW zur Einbindung/Nutzung von Wikipedia in den (bibliothekarischen) Auskunftsdienst dar. Schon die einleitende Frage ist tatsächlich spannend, ob es legitim sei, wenn Auskunftsdienste Wikipedia-Artikel als Quellen angeben. Gerade in Hinsicht auf das wissenschaftliche Arbeiten (Zitieren) ist das Thema Wikipedia ja schon häufig diskutiert worden. Vielleicht ist die Lage bei einem Auskunftdienst aber doch anders. Da fallen mir eine ganze Menge Fragen ein, die eine Antwort bedingt.

Die erste dürfte wohl sein, welchen Anspruch an die Qualität und den Umfang die Auskunft überhaupt genügen soll oder will. Ich vermute, dass der Anspruch in der Vor-Ort-Auskunft schon erheblich zwischen wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken oder “wissenschaftlicher Arbeit” und “Alltags-/Gebrauchsinformation” schwanken dürfte. So eine pauschale Einteilung ist vielleicht nicht unbedingt zu halten, aber andererseits spiegelt sich der Anspruch einer Einrichtung ja doch auch in ihrem Bestand wider, auch wenn die Auskunft (und die Kompetenz dazu) natürlich darüber hinaus gehen kann (soll). Andererseits geht es bei erwähnten Beitrag wohl in erster Linie um Onlineauskünfte, d.h. es gibt immerhin keinen so direkten Zeitdruck wie er besteht, wenn der Kunde vor einem steht und wartet. Ganz unabhängig von der leidigen Kostenfrage, wird so oder so die praktische Frage nach dem “maximal Zeitkontingent” für eine Frage bzw. der Recherche auch eine Rolle spielen, die wiederum Einfluss auf die Qualität hat.

Umfang und Qualität sind so leicht sicher nicht zu trennen. Trotzdem ist der Umfang selbst schon eine spannende Frage. Die urbibliothekarischen Tätigkeiten befassen sich eigentlich eher wenig mit Inhalten, sondern mehr mit der formalen Erfassung und Verwaltung von “Information” (man erinnert sich an die “entäuschten Bibliophilen” im ersten Semester). Oder macht man sich Feinde mit so einer Generalisierung? Vielleicht ist es auch durchaus derzeit im Umbruch befindlich und das Berufsbild wird über die auskunftbibliothekarische Facette in seiner Definition erweitert (oder erhellt). Nun, wie auch immer, die Frage bleibt ob oder wie stark Antworten konkret sein sollen oder nur auf (formal) relevante Quellen verweisen. Wenn sie konkret sein sollen, d.h. Inhalte gesichtet und bewertet werden, dann liegt das Internet (Google und Wikipedia als Klassiker) zur schnellen Orientierung nahe – bei “trivialen Gebrauchsinformationen” allemal. Interessant an dieser Stelle ist der Einwand, dass der Nutzer das doch selber könne. Alle? Die Mehrheit? Viele? Die die fragen? Ginge man davon aus, dass viele es nicht “richtig könnten” (der ein oder andere hat vermutlich solche Erfahrungswerte im Umfeld gesammelt), schließt sich die Frage an, ob man gerade denjenigen die Informationskompetenz abverlangen könnte (z.B.) einen spezifischen Wikipedia-Artikel selber nochmal auf sachliche Korrektheit “abzuschätzen” oder ob man als “Profi” die Quelle soweit selber abtastet, dass man sie uneingeschränkt empfehlen kann (während man beim Print oder kommerziellen Produkten da ja weitgehend unbekümmert ist). Der Vorteil ist natürlich, dass der Nutzer, sofern vernetzt, direkten Zugriff auf die Information hat. Das ist bei kommerziellen Datenbanken schon umständlicher. Allein aber auch wenn man die schier unendliche Menge an Datenbanken bedenkt (kommerzielle und freie, zuverlässige auch im Internet), dann kann der Rechercheaufwand enorm sein – eben je nach Anspruch.

Hmm, man kann dabei ins Hunderste und Tausendste kommen. Die Hauptfrage denke ich, wäre aber erstmal festzulegen, welchen Anspruch man als Auskunftsdienst selber genügen will: Qualität, Umfang, Zeitaufwand/Stellen, inhaltliche Tiefe, Themegebiete, Kostenlosigkeit, Zuverlässigkeit, Schnelligkeit, Nutzerfreundlichkeit….

Irgendwo dabei beantwortet man ggf. schon die Frage, ob Wikipedia, ja oder nein. Ich denke es hängt wohl ohnehin von der Frage ab und eigentlich sind die Überlegungen schon beinah zu abgehoben für den Alltag, aber andererseits hatte ich selber bei meinem Praktikum vor kurzem zweimal den Fall, wo ich Wikipedia genutzt habe. Beide Male ging es um Literatursuche zu bestimmten Themen (wie ungewöhnlich eigentlich). Bei der ersten Frage ging es darum, den Wert einer Standuhr einzuschätzen. Das krieg ich aber nicht mehr genau zusammen, ich glaub da musste Wikipedia für die zeitliche Einordnugn einer bestimmten Bauform herhalten. Bei der zweiten Frage wollte einen Nutzerin Literatur zur “Klangmassage” (gerade Wellness-Themen wirken außerordentlich oft eher esoterisch). Da brachte mich der Katalog nicht so recht weiter, ganz abgesehen dass er bei der erweiterten Suche auch gerne zu eigenartigen Fehlermeldungen neigte. Ich hab natürlich nicht die Wikipediaseite als Quelle angegeben, aber die Literaturlisten sind gerade dann doch teilweise äußerst hilftreich. Gerade die Link- und Literaturangaben empfinde ich mittlerweile als durchaus überzeugenden Grund auch mal bei Wikipedia anzufangen mit einer Recherche, selbst wenn man Wikipedia nicht selber als Quelle nutzen will. Nicht sehr professionell? Nun, im Zweifel konnte ich Hinweise geben, die der Katalog nicht hergab (doch unter Klangschalle, aber da muss man erst mal hinkommen). Alternativ hätte ich sie ohne Ergebnis wegschicken müssen. Andererseits war ich nur sehr kurz in der Auskunft und andere Mitarbeiter hatten es auch sehr viel besser raus den Nutzern präzisere Informationen zu ihren Fragen zu entlocken. Datenbanken, hier Digibi, wurden übrigens nie in der Auskunft benutzt. Zum einen waren die meisten Fragen nicht so speziell und zum anderen dauert der Weg zum Ziel bei direkter Beratung zu lange. Ich war aber wohl auch nicht der einzige, dem Inhalt und Umfang von Digibib nicht so dauerpräsent war.

Aber noch mal kurz zurück zur eigentlichen Idee des eingangs erwähnten Beitrags: Rechercheergebnisse nutzen um Wikipedia zu ergänzen. Klingt spannend. Aber – auch in Hinsicht auf bereits genannte Punkte – frag ich mich doch wirklich wie viele Antworten (oder Fragen) denn “enzyklopädietauglich” sind. Auch wenn Artikel teilweise ausufernd sind, so ist das doch alles was Wikipedia sein soll. Gut vorstellen könnte ich mir noch, dass Links und Literaturverweise bei vorhandenen Artikeln ergänzt werden. Beides soll sparsam gesetzt werden und vom Feinsten sein (Was Wikipedia nicht ist) – das sollte von Bibliothekaren ja zu leisten sein.  :-) Ganz offensichtlich sind meine Vorstellungen von Umfang und Form der bibliothekarischen Auskunftsdienste nur äußerst wage, aber wenn da tatsächlich (so viel) ergänzungswürdiges für Wikipedia generiert werden sollte – umso besser. Ohnehin sind erweiterte Auskunftsdienste durch Bibliothekare eine spannende Sache, gerade wenn ich mich an Klagen/Befürchtungen über ein immer unklarer definiertes Berufsbild (und seiner Abgrenzung z.B. zum Fami) erinnere mit allem was man so fürchten kann (Rfid, Google etc.)…

Interessant ist übrigens auch noch – und die Siehe-auch-Links beim netbib-Beitrag verweisen auch darauf (Wikipedia: Reference Desk), dass Wikipedia selbst einen “Antwortdienst” hat. Besonders außergewöhnlich ist es ja eigentlich nicht, schließlich gibt es seit anbeginn Newsgroups, Foren und auch mittlerweile von den meisten großen Suchmachinenbetreibern spezialisierte Antwortdienste, bei dem sich jeder als Experte deklarieren kann. Aber immerhin hat Wikipedia wohl die Notwendigkeit für die Einrichtung eines separaten Fragebereichs gesehen. Wo stünde dann eigentlich die bibliothekarische Auskunft – irgendwo zwischen dem User-to-User und kostenpflichtigen (allgemeinen) Auskunftsdiensten mit einer Ausrichtung auf das was halt Nutzer so fragen?

Bevor ich mich im Kreis drehe, belass ich es mal dabei. Vielleicht ordne ich die Gedanken irgendwann nochmal richtig :mrgreen:

Dieser Beitrag ist übrigens überhaupt nicht fürs wissenschaftliche Arbeiten geeignet. Das schöne ist ja, dass man in einem Blog von “Belegzwängen” befreit ist und einfach mal etwas brainstormen darf – merken muss es der Leser aber noch ;-)

  2 Antworten zu “Wikipedia in der Auskunft”

Kommentare (2)
  1.  

    Über “Klangmassage” würde man aber erst auf der dritten Ergebnisseite darauf landen (ich bezweifle auch, dass die Verlinkung hier zu einem besseren Ranking führt ;-) ). Ich bin ja ein absoluter Fan von Foren, aber zur Erstinformation eignet sich Wikipedia dann doch besser. Andererseits fände ich es auch nicht schlecht, wenn es bei Wikipedia neben Literatur- und Linkverzeichnis auch eine Art Communities-Abschnitt etabliert würde, der sozusagen zu den “ehrenamtlichen” Experten verlinkt. Vielleicht ist hier die Spreu aber nicht so leicht vom Weizen zu trennen. Ich glaub derzeit wären solche Links Löschkandidaten.

  2.  

    Zur klangmassage würde ich ja das Klangschalen-forum.de empfehlen, manchmal hilft Google halt mehr als Wikipedia ;)

 Antworten